Saviour Machine – Unmasked/Unplugged





Unmasked/Unplugged

Live im Komödienhaus (Theater Heilbronn)

10. September 2011

(For English translation of the concert report click here, it’s comment No.4)

Es war irgendwann Anfang der Neunziger, als mein guter Freund Tobias eine CD einer musikalischen Neuentdeckung aus dem christlichen Rockmusikbereich anschleppte. Er lobte vor allem die lyrischen Texte, mir gefiel zu dem Zeitpunkt vor allem die Musik und die exzentrische Inszenierung von Saviour Machine – zu dem Zeitpunkt sicherlich absolut ungewöhnlich in der christlichen Rockmusikszene. In den nächsten Jahren der frühen Neunziger hatte ich das Privileg, die Band 2 Mal live zu sehen – ein absolut unbeschreibliches Erlebnis. Spätestens mit der „Live in Deutschland“ CD von 1995 war es völlig um mich geschehen. Es ist mit Sicherheit meine absolute All-Time-Lieblings-Live CD. Ich kann nicht sagen, wie oft ich die CD in den letzten 15 Jahren angehört habe – ohne das kleinste bisschen Ermüdungserscheinungen.

Seit dem letzten Live-Auftritt in Deutschland 2002, bei dem die CD/DVD „Live in Deutschland 2002“ produziert wurde, war es sehr ruhig um die kalifornischen Ausnahmemusiker um den charismatisch-exzentrischen Frontmann Eric Clayton geworden. Die Veröffentlichungen der ersten beiden Alben der Legend-Trilogie verfolgte ich mit, auch wenn ich ehrlich sagen muss, dass ich für das bisher unvollendete Konzept-Projekt eher Ehrfurcht als echte musikalische Begeisterung empfand – wenn man von den wenigen eingängigen Stücken wie „Behold A Pale Horse“ einmal absieht. In regelmäßigen, aber langen Abstände besuchte ich die Band-Website, nur um mitzuerleben, dass die Veröffentlichung des Abschlussalbums der Legend-Trilogie immer wieder verschoben wurde. Mit der Zeit verlor ich die Band etwas aus den Augen – wenn auch nie völlig, denn die „Live in Deutschland“ CD drehte sich munter weiter in meinem CD-Player…

Erst in diesem Jahr erfuhr ich davon, dass Eric Clayton seine Tagebücher von 1997 bis 2009 veröffentlicht hatte. Neugierig, mehr über die Hintergründe der Stille um die Band seit etlichen Jahren zu erfahren, besorgte ich es mir und las es mit großem Interesse. Es würde zu weit führen, hier noch auf die Tagebücher einzugehen, schließlich soll das eigentlich ein Konzertbericht werden – nur so viel: Wer gelesen hat, welche persönlichen, finanziellen, gesundheitlichen, familiären und geistlichen Rückschläge und Dramen der Mann in den letzten knapp 15 Jahren erfahren hat, den wundert nichts mehr. Höchstens, dass es diese Band noch immer gibt und sie im Frühjahr 2011 das erste Konzert in Deutschland seit 9 Jahren ankündigte. Geheimnisvoll und vielversprechend mit dem Untertitel „Unmasked/unplugged“.  Natürlich war ich sofort hellauf begeistert und musste unbedingt Karten für das exklusive Konzert in Deutschland besorgen. Das gelang mir auch nur, weil ich bereits Wochen vorher vom Vorverkaufsstart erfahren hatte und zum entsprechenden Datum „online lauerte“. Nicht zu Unrecht, denn die knapp 350 Karten waren innerhalb von 36 Stunden ausverkauft. Monatelang war ich gespannt, vor allen Dingen darauf, ob mir ein Unplugged-Konzert wirklich gefallen würde, ganz unabhängig von der unbestrittenen musikalischen Virtuosität.

Als am 10. September mit einer knappen Stunde Verspätung endlich der Vorhang im Theater Heilbronn fiel,  bestand von der ersten Sekunde an kein Zweifel mehr für mich:  Die Bühne mit zahlreichen großen Kerzenständern feierlich erleuchtet, Van Hala an seinem Flügel und Eric Clayton mit imposantem Kinnbart, schwarzem Mantel, Gehstock und Handschuhen nicht weniger, sondern nur auf andere Art ausgefallen kostümiert.  Anders und verglichen mit früheren Konzerten angenehm zurückhaltend inszeniert, aber nicht weniger emotional berührend und musikalisch meisterhaft. Im Gegenteil: Beim auf die musikalische Essenz reduzierten Unplugged-Konzert hätten die bombastisch-theatralischen Showelemente nur gestört. Mit dem astrein akustisch interpretierten Stones-Cover „Sympathy For The Devil“ begann das Konzert augenzwinkernd: Clayton bewies seinen gnadenlosen schwarzen Humor indem er das Konzert mit einem der Song begann, der von christlichen Fundamentalisten schon in den 80 Jahren als Beweis dafür angesehen wurde, das Rockmusik per se okkult ist.

In der ersten Stunde des Konzerts folgten dann sechs der neu für das Akustik-Set arrangierte Songs der beiden ersten Alben der Prä-Legend-Ära:  „The Wicked Window“, „Enter The Idol“, „Christians And Lunatics“, „Ceremony“,  sowie die Gänsehaut-Verstärker „Legion“ und „Love Never Dies“.

Jeder einzelne Song von Clayton und in der klassischen Besetzung (Eric Clayton, Jeff Clayton, Nathan Van Hala, Charles Cooper und Sam West) spielenden Band perfekt akustisch reinszeniert – sehr emotional und berührend und absolut eindrucksvoll.

Nach dem ersten Drittel des Konzerts leitete Clayton zum „Legend-Teil“ über, unter anderem mit „The Woman“ und dem bereits erwähnten, für die Legend-Trilogie sehr eingängigen „Behold A Pale Horse“. In seinen Tagebüchern beschreibt Clayton die harten Verhandlungen mit dem damaligen Plattenlabel über die Vorproduktion der ambitionierten und musikalisch anspruchsvollen Legend-Trilogie. Nach Claytons Beschreibung hatte die Plattenfirma mit Ausnahme von „Behold A Pale Horse“ das Projekt seit jeher als musikalisch zu anspruchsvoll und daher für eine kommerzielle Vermarktung ungeeignet bezeichnet. Einer der Hauptgründe, warum Clayton sich mit Plattenfirma und Management überwarf, der dritte Teil der Legend-Trilogie gegen seinen Willen in zwei Teilen veröffentlicht wurde und der von den Künstlern autorisierte dritte Teil der Legend-Trilogie bis heute noch nicht erschienen ist.

Als um kurz vor Mitternacht mit „The End Of The Age“ das letzte Stück des zweiten, der Legend-Trilogie gewidmeten Drittels der Konzerts verklungen war, beglückwünschte Clayton schmunzelnd all diejenigen, die bis hierher „ausgehalten“ hatten. Sehr sympathisch, dass er trotz all seiner persönlichen Leidenschaft für das Legend-Projekt augenzwinkernd auf den für viele musikalisch sicherlich „schwer verdaulichen“ und aus meiner persönlichen Sicht auch etwas zu lange geratenen Mittelteil des Konzertabends anspielte. Überhaupt kam auch während des Konzerts immer wieder die große, echte Dankbarkeit Claytons zur Sprache, dass er diesen „Neustart“ der Band erleben dürfe. Vor allem die persönlichen Worte für seinen Bruder Jeff, der bereits 1999 unter anderem wegen Alkoholproblemen aus der Band ausgestiegen war, waren in ihrer Authentizität sehr ergreifend.

Mit „Carnival of Souls“ leitete die Band dann zum letzten Teil des Konzerts über, das sich bis auf die Ausnahmen „Gethsemane“ und „Legend I:I / The Lamb“  wieder etwas eingängigeren Stücken der beiden ersten Alben widmete.

Den Höhepunkt des Konzert bildete dann zweifellos das letzte Lied, die Zugabe „Legend I:I / The Lamb“  bei dem der charismatische Frontmann die Bühne verließ und den Theatersaal singend einmal umrundete, während er den klatschenden Besuchern die entgegengestreckten Hände schüttelte und dem Publikum auf den oberen Balkonen Kusshände zuwarf. Nicht, dass der Kontakt zum Publikum schon während des ganzen Konzerts spürbar und sichtbar gewesen worden wäre, aber diese feine Geste brachte die schon erwähnte große Dankbarkeit des Sängers nochmals sprichwörtlich „mit Händen greifbar“ zum Ausdruck.

Als um 0.50 Uhr das Konzert endete und im Theatersaal das Licht wieder anging, musste ich noch einen Moment sitzen bleiben und die Eindrücke etwas nachwirken zu lassen. Noch jetzt, Wochen nach dem Konzert, wo ich diesen Bericht schreibe sowie Fotos und Videos sichte,  bin ich noch immer absolut überzeugt, Teil von etwas einzigartigem, besonderem gewesen zu sein. Und das meine ich nicht in Hinblick auf das einzelne, exklusive Konzert in Heilbronn, sondern weil die Musiker um Eric Clayton eine einmalige Atmosphäre durch den perfekten Dreiklang aus gelungener Musik, stimmungsvoller Präsentation und großer Publikumsnähe geschaffen hat. Und das ist auch ganz objektiv bei weitem mehr, als man bei den meisten Konzerten geboten kriegt.

Text: Daniel Frick

Videos: Youtube

Fotos: Andreas Voßeler

Mehr Bilder vom Saviour Machine Konzert

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Eine Antwort zu “Saviour Machine – Unmasked/Unplugged

  1. Herzlichen Glückwunsch zum 1. Artikel! I’m proud, to be part of the family! Weiter so, bin schon gespannt was als nächstes kommt! Topniveau!

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