Wilco


Kaserne Basel

7. November 2011

Es passiert nicht alle Tage, dass man in unseren Breitengraden die Möglichkeit erhält, Musiker live zu erleben, die zweifache Grammy-Preisträger sind und außerdem noch einige weitere Male für den berühmten Musikpreis nominiert wurden. In der Regel ist dies tatsächlich ein Qualitätsmerkmal, dass es sich bei den Künstlern um Ausnahmemusiker handelt – auch wenn Musik natürlich immer Geschmackssache ist. Die Rede ist von Wilco, deren Kopf Jeff Tweedy mit seiner Ex-Band Uncle Tupelo als Mitbegründer des Americana („Alternative Country“) gilt. Seit den noch sehr countrylastigen ersten beiden Alben Ende der 90er Jahre hat sich die Band musikalisch konsequent weiterentwickelt, ohne sich allerdings von ihren musikalischen Wurzeln völlig zu entfernen. Der Indie-Szene sind sie im Hinblick auf Plattenverkäufe, Coverstories und Auszeichnungen einschlägiger Musikmagazinen eigentlich längst entwachsen. Mit dem inzwischen zehnten, beim bandeigenen Plattenlabel erschienenen Longplayer „The Whole Love“  halten die Mannen um Gründer und Frontmann Jeff Tweedy allerdings auch Konstanz und Bodenständigkeit: Die Besetzung ist nach Zeiten mit großem Wechsel das inzwischen vierte Album gleich geblieben. Neben der Tatsache, dass es sich bei Jeff Tweedy, John Stirratt , Nels Cline, Pat Sansone, Glenn Kotche und Mikael Jørgensen ausnahmslos um erstklassige Profi-Multiinstrumentalisten handelt, sicherlich auch ein Grund, warum ein Wilco-Konzert ein solches Erlebnis darstellt.

Doch selbst eine „gewachsene“ Band ist ja noch kein Garant dafür, auch eine gute Liveband zu sein. Das Konzert in Basel begann mit der Vorband um Jonathan Wilson, und für einige Songs kam Wilco-Mitglied Pat Sansone mit auf die Bühne, um die Band zu unterstützen. Wilson präsentierte mit seiner Band routiniert mal folkigen, mal psychedelischen aber für meinen persönlichen Geschmack zu ruhigen Singer-Songwriter-Rock. Das Publikum schien meinen Eindruck zu teilen, der Applaus war selbst für das als das sehr zurückhaltende Schweizer Publikum allenfalls höflich – Begeisterungsstürme sehen selbst bei den ruhigen Eidgenossen anders aus. Eine passable Einstimmung lieferte Wilson allemal, schließlich soll die Vorband nicht den Hauptact überbieten. Nach einer guten Stunde Auftritt und einer kurzen Umbaupause ging das Licht aus und es traten die sechs Herren aus Chicago auf die Bühne.

In der zwischenzeitlich mit schätzungsweise gut 1000 Personen gut gefüllten ehemaligen Reithalle setzte zu dem Klängen von „Dawned On Me“ vom neuen Album zustimmender Applaus ein. Das erste Drittel des Konzert lief über „One Wing“ vom letzten Album bis zu „Hummingbird“ recht ruhig ab, sowohl im Bezug auf die Songauswahl, die kaum vorhandene Ansprache des Publikums durch Tweedy als auch die Ovationen der Zuschauer.

Nach „Whole Love“, dem Titelsong des neuen Albums und „Handshake Drugs“, einem von 3 Songs vom 2004er Grammy Album „A Ghost Is Born“ bekam ich auch langsam den Eindruck, dass Band und Publikum etwas wärmer miteinander wurden. Einer der vielen Höhepunkte des hervorragenden Konzertabends war dann nach zwei Dritteln des Konzerts die Darbietung von „Impossible Germany“, bei dem Gitarrenvirtuose Nels Cline mit dem 3-minütigen Gitarrensolo eine guten Einblick in die Beherrschung seines Instruments gab und für begeisterten und langanhaltenden Applaus und Jubelrufe sorgte.

Mit dem Eröffnungssong vom neuen Album, dem stark an die von mir ebenfalls sehr geschätzten dEUS aus Belgien erinnernden „Art of Almost“ beendeten die Künstler aus Chicago ihren regulären Auftritt und verliessen nach gut 2 Stunden die Bühne. Das Versprechen von Tweedy, seinem Publikum einen unvergesslichen Abend zu schenken, war zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als erfüllt. Umso erstaunter war ich, dass die Band dem applaudierenden Publikum 6 (!!!) Zugaben und damit eine weitere halbe Stunde Ohrenschmaus gewährte, darunter Highlights wie das ruhige „Via Chicago“, den Ohrwurm „Shot In The Arm“ und dem absolut groovigen Finale mit „Heavy Metal Drummer“. (Für vollständige Setliste vom Konzert in Basel hier klicken)

Als das Konzert um 23.30 Uhr endete war ich ebenso begeistert wie mein Begleiter. Der Veranstalter hatte Wilco in seiner Promotion vollmundig als „eine der besten Livebands überhaupt“ angepriesen. Obwohl ich Wilco immer gemocht hatte und in gespannter Vorfreude auf einen schönen Konzertabend nach Basel gefahren war, muss ich anerkennen, dass die Promoter in der Kaserne in Basel nicht zu viel versprochen hatten. Und außer der felsenfesten Überzeugung, etwas absolut besonderes erlebt zu haben (und das nicht nur, weil ein Schweizer Publikum tatsächlich DOCH zu echter Begeisterung fähig ist), mag ich Wilco jetzt nicht mehr nur. Ich liebe Sie.

Text: Daniel Frick

Fotos und Bandlogo: Wilco Pressematerial

Videos: Youtube

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Eine Antwort zu “Wilco

  1. Pingback: Glosse: Trying to break my heart oder wie ich bei Wilco einem Doppelpenis begegnete… | Eskapismus Konzertberichte

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