Glosse: Trying to break my heart oder wie ich bei Wilco einem Doppelpenis begegnete…


 

Eigentlich könnte an dieser Stelle ein weiterer Konzertbericht von einem grandiosen Wilco-Konzert stehen. Aber erstens gibt’s ja schon einen, zweitens werde ich vermutlich in Grund und Boden geklagt, wenn ich noch ein paar Fotos ohne Genehmigung der Band auf mein privates Blog stelle. Und weil man mir drittens an vorherigen Wirkungsstätten attestiert hat, dass ich das ganz gut kann und die ganze Story auch genug Material dafür hergibt,  hab ich mich entschlossen, mich an einer kleinen Glosse zu versuchen. Denn man könnte tatsächlich denken, dass irgendjemand oder irgendetwas meinen Einstand als Musik-Redakteur beim Laxmag-Online-Magazin verhindern wollte.  Hätte ich ein Honorar bekommen, hätte es verflixt hoch sein müssen. Aber ich mach das ja „nur“ aus Liebe zur Musik und zum Schreiben. Aber ich schweife ab – lest selbst:

Lange hatte ich es vorgeplant, mit der Chefredakteurin des Online-Magazins gemailt, in dessen Auftrag ich zum Wilco Konzert in Zürich gehen sollte. Mit dem PR-Verantwortlichen des Veranstalters. Mit der PR-Verantwortlichen des Schweizer Plattenvertriebs. Ich hatte ein kurzes Mailinterview entworfen, dasselbe auf Englisch übersetzt und es via Plattenvertrieb der Band zukommen lassen.  Ich hatte der Band sogar meine Seele verpfändet (durchstreichen)  eine Erklärung zur Veröffentlichung der Fotos unterschrieben, nur um überhaupt welche schießen zu dürfen. Gut, das scheint ab einer gewissen Bekanntheit üblich zu sein. Ich werd zum Ausgleich tonnenweise Wilco-YouTube-Videos verlinken. Hier gleich das Erste passend zur Überschrift ^^ :

Das waren aber bei weitem nicht die einzigen Anstrengungen und Hürden, die ich überwunden habe, um meinen kleinen Artikel beim Laxmag abzuliefern. Das mit dem Interview hatte leider gar nicht geklappt, weil, wie mir die nette Dame beim Schweizer Vertrieb bereits im Vorfeld erklärt hatte, die Band auf Tour sei. Ich weiß nicht genau, ob der nette Herr beim Veranstalter mir das Presseticket trotzdem genehmigte, um meine echtes Bemühen zu belohnen oder nur, weil er keine weiteren Mails mehr von mir kriegen wollte. Jedenfalls gehe das klar, und das mit dem Fotografieren auch, weil ich ja brav unterschrieben hatte, dass ich die Fotos nicht an eine große Zeitschrift verkaufe oder an Merchandise-Fälscher in China. Der 7. März kam also tatsächlich näher und nach dem grandiosen Konzert in Basel vor vier Monaten wuchs nicht nur meine Vorfreude, sondern auch die Bakterien und Virenkulturen in meiner Familie. Die Nacht vorher hatte meine vom hartnäckigen Grippevirus geplagte Jüngste mich immerhin knapp vier Stunden schlafen gelassen – als ich aufwachte bekam ich selbst nur ein Krächzen heraus. Naja, ich hatte ohnehin nicht vor, beim Konzert viel zu Reden oder gar gegen Herrn Tweedy anzusingen, aber so kurz nach dem Aufstehen am Morgen sah ich nicht viel Hoffnung, am Abend fit genug zu sein für eine einstündige Autofahrt und dann immer mit der Kamera im Anschlag und so… Ein paar Stunden und x² Phamaerzeugnisse später hatte ich mich dann doch genug gedopt, um mich auf den Weg in die Schweizer Metropole zu machen.

Nach mühsamem Kampf von der Autobahn ins Stadtzentrum (Zürich mit Auto klemmt so häufig wie ein Präzisionsgewehr, das man unachtsam in den Schlamm geschmissen hat), einer ungeahndeten Einbahnstraßen-Einlage (naja, bis auf den empörten Gegenverkehr) und enormem Glück bei der Parkplatzsuche (darauf trifft der Vergleich mit dem Gewehr in der Regel auch zu) stand ich also mit meiner Fotojournalisten-Kutsche in der Nebenstraße des altehrwürdigen Volkshauses in Zürich. Inzwischen recht entspannt, doch meine Vorfreude sollte in wenigen Minuten  für einen endlosen Schockmoment in Frage gestellt werden.  Routiniert ließ ich am Kassenfenster mein Journalistensprüchlein vom Stapel und drückte nonchalant meinen Presseausweis an die Scheibe. Die offensichtlich genervte Dame hinter der Scheibe schien das nicht sehr zu interessieren, als sie mir wortlos zwei Tickets hinschob und das Fenster schon wieder schließen wollte. Als ich nachfragte, ob ich zum fotografieren nicht noch einen extra Ausweis brauchen würde meinte meine neue Freundin mit der für Zürich typischen Mischung aus Arroganz und Ignoranz: „Scho, aber Foti-Uswiis si nur begränzt vorhandä, sorry…“ Vor meinem inneren Auge sah ich mich schon mit hängenden Schultern zu meinem Auto zurücktrotten, der Chefredakteurin im Kopf eine entschuldigende Mail formulierend. Mit der selbst vom überheblichen Zürcher gefürchteten sprachlichen Schlagfertigkeit des genau darum unbeliebten Deutschen überzeugte ich die gute Frau dann mit charmant-bedrohlichen Nachdruck, doch nochmal mit ihrem Vorgesetzten zu reden und voila, bekam ich meinen Foto-Batch doch noch wie im Vorfeld vereinbart. Spätestens als ich dann noch das zweite, überzählige Gratisticket (Mist, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich meinen Freund Hutz mitgenommen) mit den Worten: „Brauch‘ ich nicht, ich bin alleine hier“ zurück über den Tresen schob, hat sie mich wohl innerlich in den Kreis der Hölle, der für nervige Deutsche reserviert ist, verflucht. Jedenfalls liessen ihr ungläubiger Gesichtsausdruck und das genervte Schulterzucken diesen Rückschluss zu. Mein Puls jedenfalls hatte sich zwischenzeitlich beruhigt, als ich mich an dem hünenhaften afroamerikanischen Türsteher vorbei schob, der mir noch ein „Njoy da Cancert“ hinterher nuschelte. Das hatte ich vor, keine Frage:

Glücklich, doch noch der Schmach des Greenhorn-Journalisten (große Welle aber kein Artikel) entgangen zu sein, machte ich mich auf den Weg zur Bühne, nur um dort den nächsten Rückschlag zu erleben. Als ich im Herbst noch bei einem Konzert im Volkshaus gewesen war, hatte es einen richtig netten Graben zwischen Absperrung zwischen Bühnenrand und Publikum gegeben, spitze zum Foto schießen.  Davon keine Spur, stattdessen ein Absperrgitter, das im 45°Winkel zum Bühnenrand aufgestellt einen halben Quadratmeter Platz schuf, um mit einem Boxenturm am Ohr von der Seite Bilder zu machen. Aber hey, ich hatte mich nicht mit zig Mails und an Bazillen, Stau, Parkbuchten und der netten Dame an der Kasse vorbeigekämpft bis hierher, um mich jetzt noch entmutigen zu lassen. Entschlossen schritt ich auf das Absperrgitter und den freundlich blickenden Security-Menschen zu. Und dann. Dann geschah es. Von der Seite an der Wand drängte er sich vor mich. Ein schicker Schweizer Profi-Fotograf. 1,90. Armani-Brille und Snob-Haarschnitt. Und an seinem Leib baumelten die beiden größten Penisse, die ich je gesehen hatte. Ich meine natürlich die beiden Nikon-Spiegelreflex-Kameras mit den 600mm-Teleobjektiven. Aber es sagt ja nicht nur der Volksmund und die Populärwissenschaft, sondern auch der gesunde Menschenverstand, dass gigantische Phallussymbole einen auf ein gewisses Körperteil bezogene Komplexe unterminieren sollen, zumal, wenn sie in doppelter Ausführung an der Körpermitte angebracht sind. Da stand es nun am Bühnenrand in meinem Sichtfeld mit seinen breiten Schultern, dieses imposante Exemplar des Euselachii Turicum Photograpiensis, und machte auch keine Anstalten sich mehr zur Seite zu bewegen. Als er schließlich seine Klaspern in Stellung brachte, beschloss ich, es auf der anderen Seite der Bühne zu versuchen, da würde ich ohnehin viel bessere Aufnahmen von Wilco Ausnahmegitarrist Nels Cline machen können. Dort schloss ich auch Freundschaft mit dem Security-Mann und verbrachte gut gelaunt im Takt wippend den Rest des Konzerts, nachdem die drei ersten Songs vergangen waren, während denen nur Fotografieren erlaubt war. Der dritte Song war übrigens der hier ^^ :

Ein Erlebnis wird ja erst dann zum Erlebnis, wenn man dafür etwas geleistet hat. Und mit vorzüglichen Livemusikern wie den Herren von Wilco wird so ein Erlebnis dann zu einem Highlight, das sogar einer eigens geschriebenen Glosse würdig ist.

Für alle, die es interessiert: Die geschützten Fotos gibt’s drüben beim Laxmag, die Setliste bei Wilco.

Und nun bitte fleißig das Blog von Andy und mir weiterempfehlen und die Glosse mailen, facebook-liken, google-plussen, twittern, Smsen und Flattrn. Ach nee, Flattr ist ja tot und gibt’s bei mir auch gar nicht… Aber wegen dem Geld mach ich das hier ja nicht. Nur wegen dem Spaß am Schreiben.

 

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