Interview mit John Petrucci von Dream Theater am 27. Januar 2014 in Zürich (Deutsche Rohfassung)


petrucci

Whiskey-Soda.de: Hallo John, danke, dass du dir ein bisschen Zeit nimmst, um mit mir für die Leser von Whiskey-Soda über Dream Theater zu plaudern. Wir sind hier in Zürich, gestern wart ihr in München. Meine erste Frage hat damit zu tun. Unser Magazin heißt ja Whiskey-Soda. Also, was hast du gestern getrunken: Einen Whiskey-Soda oder war es dann doch ein gutes, bayrisches Bier?

John Petrucci: Um ehrlich zu sein, hab ich gestern Wein getrunken, aber ich werde noch bayrisches Bier trinken. In ein paar Tagen spielen wir in Nürnberg und da werde ich dann definitiv bayrisches Bier und Essen genießen. Das ist sehr lecker und ich liebe es sehr!

WS: Falls du das noch nicht kennst, musst du Weizenbier probieren. Das ist am besten!

JP: Ja, kenn ich. Es ist tatsächlich sehr gut.

WS: Wir müssen heute über die Grammys reden, denn die wurden gestern verliehen und ihr wart zum zweiten Mal als „Best Metal Performance“ nominiert. Wenn ich richtig informiert bin, begann die Verleihung um 2 Uhr morgens europäischer Zeit. Hast also vor lauter Aufregung schlecht geschlafen, oder bist du erst gar nicht ins Bett gegangen? Oder hast du dir eine Übertragung im Internet angesehen?

JP: Wir haben uns die Übertragung als ganze Band angesehen, nach dem Auftritt in München gestern Abend. Die Kategorie, in der wir nominiert waren, wird bereits in einer Zeremonie vor der eigentlichen Fernsehübertragung bekannt gegeben, also um einiges früher. Also hat das gut gepasst direkt nach dem Auftritt München, wir haben uns den Stream von Grammy.com angesehen – aber wir haben nicht gewonnen! Aber weißt du: Sabbath, das war ja fast sicher, dass die den kriegen oder?

WS: Naja, irgendwie schon. Ich hab heute ein bisschen drüber nachgedacht und mich mit musikbegeisterten Freunden unterhalten. Es war quasi die sichere, konventionelle Entscheidung, mit der wohl die meisten gerechnet haben dürften. Eine Progressive Metal Band wie Dream Theater, DIE Progressive Metal Band gewinnen zu lassen, wäre eine mutigere Entscheidung gewesen!

JP: Da ist was dran.

WS: Klar, speziell gegen Black Sabbath antreten zu müssen, war natürlich schon recht hart. Aber so vom Grundsatz her: Denkst du, als Prog-Band ist es schwerer einen Grammy oder anderen prestigeträchtigen Musikpreis zu gewinnen?  Prog ist ja in der Regel recht komplex und anspruchsvoll, nicht der Mainstream im Vier-Viertel-Takt, den die meisten mögen.

JP: Bisher hätte ich eigentlich gedacht, dass es die größere Hürde ist, überhaupt nominiert zu werden.  Aber wir sind ja jetzt das zweite Mal nominiert worden. Die Grammys werden ja von den Mitgliedern der Recording Academy gewählt, das sind Musiker, Produzenten, Soundingenieure und so weiter. Und die Tatsache, dass Progressive Musik in diesen Kreisen Beachtung findet, bedeutet ja schon, dass mehr Präsenz da ist, mehr Relevanz, dass die Progressive Szene wichtiger ist. Und wie gesagt, es ist schon schwer, überhaupt nominiert zu werden. Und zu gewinnen, ist dann nochmal eine andere Sache!

WS: Das heisst du meinst, vor zehn oder zwanzig Jahren war es noch schwerer, überhaupt nominiert zu werden.

JP: Ich weiss nicht. Ich kenne auch die Geschichte der Grammys nicht so gut und weiss nicht, wer schon wie oft nominiert wurde und wer nicht. Eines der Dinge, die wir schon vor einer Weile gemacht haben und was uns schon früh von anderen Bands unterschied ist die Tatsache, dass wir eben Metal mit Prog gemischt haben. Heute gibt es das in der Szene recht häufig. Wir haben also keinen klassischen Sound, der zum Beispiel an den Sound der 70er Jahre angelehnt ist. Wir haben eben den Metal-Sound, wir sind ja auch in der Kategorie nominiert gewesen. Und ich denke eben schon, dass uns diese Genremischung etwas mehr in den Fokus gebracht hat.

WS: Na dann kannst du ja froh sein, dass du eine Progressive Metal Band hast und keine Retro-Prog-Band! (Lacht)

JP: Ja das stimmt, sind wir nicht. Wir lieben einfach Metal, das wollen wir spielen. Ich liebe den Sound von Metal-Gitarren und alles Drumherum. Ausserdem ist es ein Musikstil mit sehr viel Power! Das sorgt dafür, dass unser Publikum jung bleibt und weiter wächst, weil heutzutage immer noch viele Kids auf Metal stehen. Das sieht man auch daran, dass es viele neue Metalbands mit jungen Musikern gibt.

WS: Alles in allem siehst du nicht allzu enttäuscht aus, nicht gewonnen zu haben. Ich habe mir im Vorfeld gedacht, weil unser Interview ja nur ein paar Stunden nach der Verleihung ist, dass ich dir für den Fall zum Trost ein kleines Geschenk mitbringe. Aber bevor du es bekommst, hab ich noch eine weitere Frage: Was für eine Art von Geschenken bekommt ein berühmter Rockmusiker von Fans, vielleicht sogar von Journalisten? Schenken die dir alle CDs von ihren Bands, um einen Plattenvertrag zu bekommen?

JP: Die CDs von ihren Bands oder von jenen ihrer Freunde. „Das ist meine Band oder die Band von meinem Bruder“ – so in der Art. Unsere Fans sind wirklich grossartig und bringen uns wirklich nette Geschenke. Gestern Abend habe ich zum Beispiel eine wirklich sehr schöne Flasche Wein von einem Freund und Fan bekommen. Sie bringen Süssigkeiten oder Spezialitäten der Region, in der wir auftreten. Manche sind künstlerisch begabt und malen Portraits von den Bandmitgliedern und schenken uns die. Die machen also wirklich jede Menge Sachen.

WS: Du hast es schon erraten. Ich hab dir Schweizer Schokolade mitgebracht. (Schokolade in blauer Metalldose überreicht). Zuerst habe ich versucht, eine goldene Dose zu finden, in der Farbe des Grammys. Als ich das nicht geschafft habe dachte ich mir: Also versuchst du eine Schwarze Box zu kriegen, die wenigstens zum Album Cover passt. Habe ich aber auch nicht geschafft. Ich hab nur diese hübsche blaue gefunden. Aber es geht ja eigentlich eher um die Schokolade und die ist wirklich sehr, sehr lecker!

JP: Die ist perfekt so wie sie ist! Vielen, vielen Dank.

WS: Aber du weisst schon wie Mama immer gesagt hat: Immer schön mit den anderen Jungs teilen! (grinst)

JP: (grinst). Versprochen! Weisst du, solche Geschenke verschwinden immer sehr schnell irgendwo.

WS: „Hallo? Hat jemand meine blaue Dose mit der Schweizer Schokolade gesehen? Hallooooo?“

JP: Vielen Dank, das ist wirklich sehr nett von dir. Grossartig!

WS: Gern geschehen. Es ist eben eines der Dinge, für die die Schweiz bekannt. Käse riecht zu sehr und eine Schweizer Uhr zu verschenken, kann ich mir als einfacher Journalist nicht leisten! (Lacht)  Ich hab eine neue Frage für dich. Ihr Jungs geltet ja als die prägendste Band im Progressive Metal überhaupt. Sobald irgendwo jemand über Prog-Metal spricht oder schreibt, wird Dream Theater als eine Art Blaupause erwähnt. Und eine Blaupause ist die Vorlage für andere Bands: Diese Band klingt hier und da ähnliche wie Dream Theater, diese Band macht zwar Prog-Metal, erinnert aber recht wenig an Dream Theater und so weiter. Verfolgst du, was in der Prog-Metal-Szene so passiert? Vielleicht hast du ja sogar eine Empfehlung für unsere Leser? Eine talentierte neue Band, die du gut findest? Oder findest du gar keine Zeit, dir die ganzen neuen Entwicklungen in der Szene zu verfolgen und die ganzen CDs anzuhören, die du geschenkt bekommst?

JP: Naja, da ist jeder ein wenig anders. Ich persönlich verfolge allgemein neue Musik nicht sehr. Da war ich noch nie der Typ dafür. Wenn mich Leute auf etwas aufmerksam machen oder ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin oder eine Zeitschrift lesen, dann kann es grossartig sein! Als wir letztes Mal in Grossbritannien waren sass ich mich hin und las das Prog Magazine. Ich hab so durchgeblättert und war wirklich erstaunt über die ganzen neuen Bands. Eine davon, Tesseract. Also die Jungs mag ich wirklich sehr!

WS: Ich hab sie gerade erst vor ein paar Tagen live gesehen!

JP: Wie waren sie?

WS: Sie waren spitze!

JP: Ich liebe ihr neuestes Album, das ist wirklich cool.

WS: Die haben einen wirklich tollen Sänger. Und sie sind auch sehr besonders, weil die Gitarren, das Schlagzeug und alles ziemlich hart sind, aber der Sänger singt sehr ruhig und klar. Überhaupt nicht wie ein Metal Sänger.

JP: Ja, er klingt ganz anders, fast wie ein Popsänger.

WS: Es war grossartig, in einem recht kleinen Club ungefähr 50 Kilometer von mit recht wenigen Leuten, aber die haben es geschafft, eine wirklich wunderbare Atmosphäre hinzukriegen.

JP: Ja, die Jungs mag ich wirklich sehr. Und so ist das, ab und an fragt mich jemand, auch aus der Band: Hast du von denen schon mal was gehört? Die musst du dir unbedingt anhören! Mir ist bewusst, dass es da draussen wirklich viel tolles Zeug gibt.

WS: Also ist deine Empfehlung Tesseract, oder? Also Leute, John Petrucci, einer der bekanntesten Progressive Metal Musiker überhaupt, empfiehlt euch: Hört euch Tesseract an. Klasse. Ich hab noch eine Frage für die, die mit Prog zu tun hat. Stell dir vor, jemand der dich nicht kennt, aber den du sehr schätzt kommt zu dir und sagt: Progressive Rockmusik ist anstrengend, das sind doch alles nur Egomanen, die sich inszenieren wollen. Ich kann die Musik echt nicht leiden! Wie würdest du denjenigen überzeugen, dass es sehr aufregend sein kann, ohne deine Position als Gitarrist einer der berühmtesten Progressive Bands zu nutzen?

JP: Das wären mehrere Dinge. Erstens: Schaut euch die Musik live an. Ich treffe immer wieder Leute, die uns noch nie live gesehen haben, und dann kommt ihr erstes Mal und, naja. Sie lieben es! Es ist einfach eine andere Erfahrung, ein anderer Zugang. Die andere Sache: Man muss die Leute langsam reinführen. Was Dream Theater betrifft, wir haben Songs, deren Prog-Faktor unterschiedlich hoch ist. Manchmal ist das für Leute, die mit der Musik nicht so viel anfangen können, wichtig. Man muss ihnen zuerst den richtigen Song vorspielen. Wenn man mit einem 25-Minuten langen, episch-extravaganten Song beginnt, ist es kein Wunder, wenn sie das schwer verdaulich finden. Man muss da behutsam rangehen. Und drittens hängt es natürlich auch vom Geschmack der Leute ab. Wenn man deren speziellen Geschmack trifft, kommt man eher an sie ran. Wenn also jemand auf Metal steht, würde ich ihm eben einen etwas härteren Prog-Song vorspielen. Wenn jemand auf was Poppigeres, Ruhigeres steht, würde ich eben aus der Richtung was aussuchen, vielleicht einen Akustik-Song. So kriegt man die Aufmerksamkeit der Leute! Dann merken sie: Es hat gute Melodien, es hat gute Texte mit einer Bedeutung, es ist gut produziert – es klingt einfach gut. Und dann kann man weitermachen und ihnen sagen: Das und jenes musst dir auch noch anhören.

WS: Als musikbegeisterter Journalist höre ich immer wieder Sprüche wie: Slayer ohne Dave Lombardo sind nicht mehr Slayer. Oder eben auch: Dream Theater ohne Mike Portnoy sind nicht mehr Dream Theater. Was meinst du dazu?

JP: Das stimmt einfach nicht! Es gibt immer Leute, die so was sagen.

WS: Ich habe das wirklich sehr oft gelesen und gehört.

JP: Wenn sie meinen, ist halt ihre Meinung. Für mich geht’s um den Geist der Band, den Zusammenhalt, die gemeinsame Mission, das Schreiben und all das. Das ist alles absolut intakt. Ausserdem hatten wir in unserer Bandgeschichte immer wieder Wechsel bei der Bandbesetzung. Wir hatten einen neuen Sänger, verschiedene Keyboarder und nun eben auch einen anderen Schlagzeuger. Aus diesen Gründen wird für mich Dream Theater immer Dream Theater sein. Es geht nie nur um eine Person, sondern geht bei weitem darüber hinaus.

WS: Ja, das kann man denke ich so sehen. Meine Meinung ist es übrigens auch nicht.

JP: Ja, und auch was ich vorhin schon sagte, trifft hier zu. Die Band live zu sehen, kann dafür schon auch eine gewissen Entschädigung oder zumindest heilsame Erfahrung sein. Das ist mir einfach aufgefallen. Mike Portnoy war natürlich ein wichtiger Teil der Band und war natürlich von Anfang an dabei. Bevor uns die Leute das erste Mal mit Mangini gesehen waren natürlich schon viele auf dem Standpunkt: „Wie es wohl werden wird?“ Aber sobald man den Kerl live spielen sieht ist es so in der Art: Alles klar. Frage geklärt. Also: Jeden, der der Meinung ist „es ist nicht mehr das gleiche“ ermutige ich uns mit Mike live zu sehen. Aus zwei Gründen. Erstens: Er ist ein unglaublicher Drummer, wirklich überwältigend. Und Zweitens: Was das alte Material betrifft, respektiert er die Art und Weise, wie es gespielt wurde und er spielt es genauso, wie man die Songs kennt. Es ist also wirklich cool.

WS: Ihr habt gerade die Live at Luna Park DVD herausgebracht, wo ihr ein Streicherensemble mit euch auf der Bühnen hattet. Ich finde, eure Musik eignet sich sehr gut dazu, sie mit klassischen Instrumenten zu mischen. Metallica hat vor Jahren ein Live-Album mit dem Symphonieorchester von San Francisco aufgenommen. Wäre es für dich eine Herausforderung, mit Dream Theater einmal etwas Ähnliches zu machen. Und falls ja, würdest du dafür bestehende Songs nehmen oder eigens zu diesem Anlass neue Songs komponieren?

JP: Also, was ein Orchester betrifft, das uns mit bestehenden Songs auf der Bühne begleitet – so was haben wir schon mal gemacht. Zwar nicht für ein ganzes Konzert, aber bei der DVD-Aufzeichnung von „Score“ in der Radio City Music Hall 2006 in New York hatten wir das schon. Und wir haben bald eine neue Veranstaltung. Im März spielen wir im Opernhaus von Boston mit dem Orchester und dem Chor des Berklee Music College. Dieser Ansatz klappt ganz gut weil wir einfach unsere Songs spielen und die klassischen Musiker uns begleiten. Viele unserer Songs haben diese Streicher-Elemente schon drin, also geht das. Wenn es darum geht, extra dafür neue Songs zu schreiben: Das wäre cool, ist halt eine ganz andere Herangehensweise. Man muss sich einen Arrangeur besorgen und Musiker mit Streichinstrumenten und gemeinsam anfangen. Total anders und so was haben wir noch nie gemacht. Wäre sicherlich sehr spannend! Wer weiss, ob wir das mal irgendwann tatsächlich machen?

WS: Gäbe es denn etwas, das dich davon abhalten würde, etwas, das gegen ein solches Projekt spräche?

JP: (Grinst) Nö.

WS: Also wenn du bzw. die Band die Idee spannend findet, dann geht ihr sowas zusammen an?

JP: Ja klar, man stellt sich ja immer wieder neuen Herausforderungen. Auch bei den Luna Park Konzerten zum Beispiel. Das war im August 2012, am Ende der Tour und wir waren schon seit 14 Monaten auf Tour. Das ganze Programm und die Abläufe waren schön eingespielt und dann haben wir uns entschieden, eine Live-DVD aufzunehmen! Hey, dann könnten wir diesen oder jenen Song wieder reinbringen – und wenn wir schon dabei sind, lasst uns doch ein Streicher-Ensemble mit reinnehmen, die uns auf der Bühne begleiten! Da gibt’s dann wieder viel ungewisses, Dinge, die wir nicht gewohnt sind und dann laufen da auch noch Kameras, die alles aufnehmen! Aber solche Herausforderungen bergen natürlich auch die Chance,  einen Abend zu etwas besonderem zu machen. Es ist dann eben einfach nicht nur ein weiterer netter Abend auf Tour. Aber es bringt natürlich auch Herausforderungen, wenn man mit neuen Leuten was ganz neues macht, kann auch vieles schief gehen. Und meistens wird es dann nicht so toll, wie man gehofft hatte. (Lacht) Es gibt dann immer diese Probleme, die Mikrophone für die dritte Geige müssen richtig abgemischt werden, die Gitarre ist zu laut und der ganze Mist, der dann passiert.

WS: Und es sorgt natürlich auch dafür, dass es für euch selber interessant bleibt, oder? Ich höre recht oft von Musikern mit denen ich spreche, vor allem bei Progressive Rock Bands: „In erster Linie mache ich es für mich selber. Für meinen eigenen Spass. Wenn es dann andere Leute mögen – umso besser!“

JP: Ich weiss nicht, ich finde das eine komische Aussage. Für mich hat Musik vor allem damit zu tun, sie mit anderen Menschen zu teilen. Wie deine Schokolade, die ich mit den anderen von der Band teilen soll. Klar denke ich darüber nach, wie ich spiele und dass ich gut spielen möchte. Aber noch mehr geht es mir um die Leute, die uns zusehen, weisst du? Sie sind nur wegen uns gekommen und erwarten natürlich was. Sie haben den Konzertbesuch geplant,  sie haben Geld für die Karten bezahlt, einen Babysitter organisiert und was man sonst noch alles machen muss, um kommen zu können. So gesehen bin ich eigentlich der Meinung, dass es viel mehr um das Publikum geht.

WS: Stimmt schon. Ich denke, die erwähnten Musiker meinten es auch eher im Bezug darauf, dass es einfach auch viel authentischer ist, wenn die Musiker es selber mit Freude tun und auch für sich selbst spielen – das mögen die Leute. Und sie merken es auch, wenn jemand einfach nur seinen Job erledigt und das Konzert nur zu Ende bringen will. Dann kümmert es keinen.

JP: Das stimmt Hundertprozentig! Die Leute sind viel cleverer, als man denkt. Die merken es, wenn es nicht echt ist. Und sie merken es, wenn die Musiker aus ganzem Herzen dabei sind. Letztlich geht es um Integrität.

WS: Du stehst jetzt schon seit 30 Jahren auf der Bühne. Wie lange hast du gebraucht, um dein Lampenfieber zu überwinden?

JP: Es ist witzig, weil die ersten Auftritte so lange her sind. Aber in der Regel bin ich nicht aufgeregt, wenn ich auf die Bühne gehe. Aber ab und zu, ohne einen besonderen Grund habe ich dann doch ein kleines bisschen Lampenfieber. Normalerweise bin ich aber ruhig und fokussiert.

WS: Du bist ganz cool und professionell.

JP: Ja schon, aber ich bin natürlich aus einem bestimmten Grund cool. Weil die Band, meine Jungs und natürlich die ganze Crew alle ihren Job machen und sehr zuverlässig sind. Egal ob es um das Licht geht, den Sound und alles wofür wir hart geplant und gearbeitet haben absolut klar gehen wird. Es ist alles gut organisiert. Angst vor dem Auftritt kommt meisten von Unsicherheiten, zum Beispiel wenn man nicht gut vorbereitet ist. Wenn man also gut vorbereitet ist und sich alles richtig anfühlt und man den Leuten mit denen man arbeitet vertraut, dann fühlt es sich einfach auch vorher schon gut an. Und das Gegenteil stimmt natürlich auch. Wenn man im Vorfeld denkt, dass man sich an einen bestimmten Song nicht mehr erinnern kann oder sonst irgendwas passiert, das irgendwas kaputt geht oder so, dann fühlt man sich natürlich auch unsicher.

WS: Ja, und natürlich hat jeder Mal einen schlechten Tag, auch ein berühmter Rockmusiker. Heute ist einfach nicht mein Tag. Neuer Versuch morgen! Aber DU musst dann natürlich trotzdem raus auf die Bühne! (Lacht)

JP: (Lacht) Zum Glück merkt meistens keiner was davon, ob man einen guten oder einen schlechten Tag hat.

WS: Was ist das „rockstarigste“, was du je getan hast? Ich meine, neben dem üblichen Kram wie Sex, Drogen und kleine Kinder töten? Ich will einen Beweis, dass du mit den Rockstar-Klischees mithalten kannst! (Grinst)

JP: (Lacht) Oh mein Gott! (Denkt nach)

WS: Komm schon, nichts, woran du dich erinnern kannst?

JP: Ich hab mal Backstage einen Tisch, der mit allen möglichen Sachen vollgestellt war genommen und durch den Raum geworfen.

WS: Warst du auf irgendwas sauer?

JP: (Grinst) Nee, ich hatte einfach Bock drauf. Wir waren am herumalbern. Zählt das? (Lacht)

WS: Nur einen Tisch? Nicht eine ganze Hotel-Suite?

JP: Nein, nein, nein, nein, nein, nein. So was hab ich nie gemacht.

WS: Es gibt ja diese gewissen Bands, die berühmt dafür waren, ganze Etagen von Hotels zu zerstören. Keine Ahnung, Mötley Crüe und so weiter. Die Typen waren absolut wahnsinnig! (Lacht)

JP: Oh mein Gott, ich kann mir das nicht mal ausmalen. So was in der Art habe ich noch nie getan.
WS: Hast du denn eine andere lustige oder peinliche Anekdote aus deiner langen Karriere für unsere Leser auf Lager?

JP: Natürlich gibt es jede Menge solcher Geschichte. Eine Geschichte kommt mir gerade in den Sinn. Wir waren von den Staaten nach Italien rübergekommen um nur ein paar einzelne Konzerte zu spielen. Mein Gitarrenroadie war nicht mein üblicher, sondern ein enger Freund von mir aus New York, der Winzer ist. Ich gab einen Gitarrenworkshop und wir zogen den Termin zusammen durch und am Ende des Workshops kam ein Kerl auf uns zu und meinte, wir würden jetzt gut Abendessen gehen. Das ist eigentlich recht üblich, entweder die Leute von der Gitarrenfirma gehen mit dir aus, oder der Veranstalter, jemand vom Plattenlabel oder andere Leute, mit denen man geschäftlich zu tun hat. Er sagte zu uns: Mein Freund hat ein Restaurant. Das ist jetzt zwar eigentlich schon geschlossen, aber wird es für uns extra aufmachen. Wir gehen also hin und es ist tatsächlich geschlossen, öffnet aber extra für uns. Der Koch bezaubert uns mit einem unglaublichen Menü, trägt ein Gang nach dem nächsten auf. Wir geniessen es in vollen Zügen, trinken guten Wein und Grappa und es wird ein richtig ausgelassener Abend. Nach ein paar Stunden hervorragendem Essen sage ich: „Du arbeitest für den Vertrieb, oder?“ „Nein.“ „Dann arbeitest du bestimmt für den Veranstalter, oder?“ „Nein.“ „Dann für die Gitarrenfirma?“ „Nein.“ Mein Freund und ich sehen uns an und lachen uns schlapp: Wer zum Geier ist der Typ? Und ich frage unseren Gastgeber: „Wer sind sie denn dann?“ Und er meint: „Ich repariere Autos.“ Der Typ war einfach irgendein Typ, ein Fan, ein Automechaniker. Er hatte das alles organisiert und, uns zum Restaurant gebracht und das ganze Ding auf die Beine gestellt. Und die ganze Zeit über dachten wir, es wäre der Veranstalter des Gitarrenworkshops. Wir haben es einfach nicht mitgekriegt! Wir hatten ein fantastisches Abendessen quer durch die Italienische Küche. Ich kann mich noch gut an den Grappa-Dekantier erinnern, der hatte so einen endlos langen Hals, mit dem man von der anderen Seite des Tischs das Glas füllen konnte. Das war wirklich eine aberwitzige Situation.

WS: Die gewisse Komik der Situation. Eine letzte Frage habe ich noch, weil ich auch weiss, dass du nicht mehr so viel Zeit hast.

JP: Na klar.

WS:  Du hast ja eine Karriere von fast 30 Jahren hinter dir, hast die Welt bereist, Alben und Live-DVDs aufgenommen. Was hat eine Person wie John Petrucci noch für unerfüllte Wünsche?

JP: Eines der wenigen Dinge, die war noch nie gemacht haben, ist den Soundtrack für einen Film zu schreiben. Wir reden da schon seit ewigen Zeiten darüber, aber aus irgendeinem Grund hat es sich bisher nicht ergeben. Wir wurden nie gefragt und haben es selber nie vorangetrieben. Ich bin schon immer der Meinung gewesen, dass unsere Musik perfekt als Filmsoundtrack passen würde. Ich glaube, wir würden das wirklich gut machen. Zuerst den Film ansehen, die Musik dafür zu schreiben, die ganzen verschiedenen Stimmungen und all das. Das ist etwas was wir bisher noch nicht gemacht haben, aber bestimmt sehr cool wäre.

WS: Was für eine Art von Film würde das denn sein? Etwas, das euch selbst gefällt oder einer, zu dem eure Musik besonders gut passen würde?

JP: Unsere Musik würde wahrscheinlich am ehesten zu Science-Fiction oder Fantasy passen.

WS: Stehst du da drauf?

JP: (Lacht) Wer nicht?

WS: (Lacht) Jede Menge Leute!

JP: Wirklich? Es gibt Leute, die Star Wars nicht mögen? Ich mag dieses dramatische Zeug und stelle mir vor, dass unsere Musik da wirklich gut dazu passen würde. Selbst zu einem Harry Potter Film oder einer Tolkien Verfilmung. Die Leute, die da drauf stehen, auf die verschiedenen Handlungsebenen, die Charaktere und so weiter ähneln sehr unseren Fans. Die graben sich auch richtig in die Musk hinein, das ist eine vergleichbare Einstellung, von daher kann ich mir gut ausmalen, dass das gut funktionieren würde. Jemand müsste uns halt fragen. (Grinst)

WS: So wie du das erklärst, kann ich mir das auch gut vorstellen. Ich wäre wirklich sehr gespannt auf den Film und natürlich auch auf die Musik, die ihr dafür geschrieben hättet. Wäre bestimmt grossartig!!

JP: Bestimmt, müsste aber schon was Gutes sein. Nicht irgendso eine schräge Handlung von einem schlechten Indie-Regisseur. Es müsste was Gutes sein.

WS: Wie wäre es denn damit: Wenn ihr das nächste Mal für einen Grammy nominiert werdet und ihn gewinnt, wird euch jemand fragen. In Deutschland gibt es ein Sprichwort: „Aller guten Dinge sind drei!“ Also: Nach eurer dritten Grammynominierung gewinnt ihr ihn und danach werdet ihr mit Angeboten, einen Filmsoundtrack zu schreiben, bestimmt überschüttet.

JP: Das ist doch mal ne Aussage! So machen wir das, das gefällt mir!

WS: Vielen Dank für die Zeit die du in deinem engen Terminplan für uns frei gemacht hast und sorry nochmals wegen dem Missverständnis mit dem Treffpunkt.

JP: Hab ich gerne gemacht und mach dir keinen Kopf wegen der Verspätung. Ich war gerade dabei, mit meiner Frau zu telefonieren und wollte gerade aufhören, als Rick hereinkam und mir Bescheid gab, dass ihr euch verspätet. Also hatte ich noch etwas mehr Zeit, mit ihr zu reden!

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